Gut mit Stress leben

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Ein Leben ohne Stress ist nicht möglich. Zum einen brauchen wir den Eustress (der „gute Stress“), um uns in Erregung zu bringen und uns zu motivieren, so dass es möglich wird Leistung zu erbringen. Dieser Stress macht zufrieden und ist uns willkommen. Der Disstress (der „negative Stress“) hingegen wird als Bedrohung wahrgenommen und von äußeren – aber auch inneren Stressoren – hervorgerufen.

Typische äußere Stressoren sind hohe Arbeitsbelastung, Erwartungen anderer (z. B. Chefin, Familienangehörige, Eltern, Kinder, Partner), kritische Lebensereignisse (z. B. Schwangerschaft, Scheidung, Tod eines nahestehenden Menschen, Pensionierung, Krankheit), existentielle Bedrohung etc. Stressoren die in uns beheimatet sind etwa Perfektionismus, Leistungsdruck, Ängste, Über- oder Unterforderung. Innere Stressoren haben meist mit Emotionen zu tun und lassen sich weit eher verändern, als etwa Erwartungen anderer an uns.

Ein guter Umgang mit Stress hilft uns, körperlich und psychisch gesund zu bleiben. Dazu ist es angeraten, immer wieder und ausführlich innezuhalten, um in einer guten Balance zu bleiben. Was also tun? Ich möchte sechs Punkte aufgreifen, die langfristig Stressoren unschädlich machen:

  1. Lebensenergie wiederzugewinnen und aufzutanken gelingt durch Meditation, Energie- und Atemübungen (siehe meinen Blog Beitrag zu MBSR), Bewegung in der Natur (siehe Blog-Beitrag „Im Wald baden“).
  2. Gedanken lassen sich durch Reflexion, Einstellungsänderung, Umbewertung und Visualisierung eines guten Ausganges beeinflussen (vgl. Blog Beitrag zur Positiven Psychologie – PERMA Modell – positive Gedanken).
  3. Gefühle werden z. B. durch Zufriedenheitserlebnisse, durch Wahrnehmungsübungen, Musik, Tanzen, Zeichnen und Zärtlichkeit beeinflusst.
  4. Innere Funktionen (Organsystem) werden durch Autogenes Training, Yoga, Tai Chi oder Qi Gong angesprochen.
  5. Das Muskelsystem lässt sich mit Sport, Yoga, Progressive Muskelentspannung, Rückenschule oder Massagen stimulieren.
  6. Mit Stress umgehen heißt auch unser Verhalten modifizieren: Sei es Konflikte zu klären oder Nichtzuklärendes hinzunehmen, öfter Ja- oder Nein zu sagen (je nach dem wozu man tendiert), seine Freizeit aktiv zu gestalten, Freundschaften pflegen, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, Genusstraining und immer wieder kleine und größere Pausen einzuhalten.

Es ist noch anzuraten, diese Punkte nicht verbissen abzuarbeiten, sondern sich in Gelassenheit zu üben, sich selbst und anderen gegenüber und alles letztendlich auch doch nicht zu wichtig zu nehmen. Eine leichte Übung, wenn man lange genug übt!

Eine Hommage an Jesper Juul – Humanist, Familientherapeut und Mensch

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Jesper Juul ist gestorben. Ich bin traurig. Er war einer jener Menschen, die ich in meinem Leben gerne getroffen hätte.

Als Familientherapeut hat er ein neues Erziehungsparadigma geschaffen, das auf Beziehung, Respekt und Gleichwürdigkeit aufbaut und sich weder von dominanter, elterlicher Autorität, noch von laissez-faire und Desinteresse leiten lässt. Somit hat er mir persönlich geholfen, einen Weg zu finden der eigenen elterlichen Orientierungs- und Ratlosigkeit Herrin zu werden. Ich wollte meinen Kindern eine andere Erziehung angedeihen lassen, als ich sie in meiner Ursprungsfamilie erfahren habe. Aber wie? Aber welche? Jesper Juul hat mir geholfen, Antworten zu finden. Nicht zuletzt seinetwegen habe ich mich entschieden, systemische Familientherapeutin zu werden.

Meine Kinder sind inzwischen schon bald über das Erziehungsalter (12 Jahre) hinaus. Wenn erziehen nicht mehr geht, zeigt sich, ob die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern stimmt. Es geht nicht um die Regeln, die aufgestellt werden, sondern um die Art und Weise, wie wir als Eltern mit Regelbrüchen umgehen. Kinder brauchen nicht ständig ermahnt zu werden. Sie orientieren sich an elterlichen Vorbildern und lernen wesentlich mehr am elterlichen Modell als von den elterlichen Ansagen. Es geht um die Kommunikationsform des Dialogs und um Kooperationsbereitschaft beiderseits. Herr Juul ging davon aus, dass Kinder von Geburt an kompetent sind. Alles, was sie für ihre Entwicklung benötigen, sind Eltern, die soziale und emotionale Präsenz zeigen.

Jesper Juul hat mein Leben als Mutter, Erziehungsberaterin und Familientherapeutin wesentlich geprägt. Er ist mein Lehrmeister, er gibt mir Antworten, er bricht komplexe Beziehungssachverhalte auf eine machbare Ebene herunter. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Seine Bücher werde ich noch oft aufschlagen. Seine Worte werden mich weiterhin bereichern.

Danke Jesper Juul!

Hier einige wesentliche Aussagen Jesper Juuls:

  • Die Qualität von Eltern bemisst sich nicht nach den Regeln, die sie ihren Kindern vorgeben, sondern nach der Art ihrer Reaktion, wenn diese Regeln gebrochen werden.
  • Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten.
  • Wenn ich Kinder als kompetent bezeichne, dann meine ich damit, dass wir wichtige Dinge von ihnen lernen können. Dass sie uns durch ihre Reaktionen ermöglichen, unsere verlorene Kompetenz wiederzugewinnen und unsere unfruchtbaren, lieblosen und destruktiven Handlungsmuster loszuwerden […]. Wir müssen zu einer Form des Dialogs finden, den viele Erwachsene auch untereinander nicht beherrschen […].
  • Wenn wir unsere eigene Familie gründen, werden wir damit konfrontiert, dass die Überlebensstrategie, die in unserer Ursprungsfamilie gut funktioniert hat, in unserer neuen Familie nicht mehr so wirksam ist.
  • Viele Eltern sind nicht daran interessiert, wie ihre Kinder wirklich denken und fühlen. Sie interessieren sich mehr dafür, wie Kinder zu denken und zu fühlen haben.
  • Wenn die Erwachsenen nicht genug Zeit für sich selbst haben und die Eltern nicht für sich als Paar, dann widmen sie den Kindern unter Garantie zu viel Aufmerksamkeit. Kein Kind will Aufmerksamkeit. Es braucht Beziehung, will am Leben seiner Eltern teilhaben.
  • Die Beziehung zu einem Kind ist keine Einbahnstraße. Das Kind soll nicht nur entgegennehmen, was wir ihm geben wollen. Wir müssen auch bereit sein, das entgegenzunehmen, was unsere Kinder uns geben.
  • Betrachten Sie Ihre Familie als neues und spannendes Projekt, dessen einzelne Teilnehmer nicht von vornherein bestens qualifiziert sind.
  • Für die Atmosphäre in der Familie sind allein die Erwachsenen verantwortlich. Gefühle und Emotionen gehören ebenso dazu wie Körpersprache und Tonfall.
  • Je mehr Druck ich aufbaue, umso mehr Widerstand erzeuge ich.
  • Eltern sollten ihren Kindern gegenüber verantwortlich und treu sein. Sie sollen sich selbst nicht verleugnen, müssen zu ihren Ansichten und Erfahrungen stehen – dabei nur nicht ihre Kinder zwingen wie sie selbst zu sein.
  • Belohnung ist die postmoderne Version von Bestrafung. Das schafft keine Nähe-Beziehung. Das ist ein Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter.
  • Man darf als Eltern durchaus Weinen, Schreien, Toben. Man darf das Kind nur nicht verletzen und kränken. Neoromantiker glauben, ihre Gefühle schaden dem Kind. Aber die Abwesenheit von Gefühlen schadet dem Kind!
  • Wenn wir eine Beziehung haben, gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Sprache, können wir über alle Ängste, Sorgen und Widerstände miteinander reden.
  • Glücklich zu sein ist keine Kunst. Die wirkliche Kunst ist zu wissen, was man tun kann, wenn man unglücklich ist.

Wie die Erkenntnisse der „Positiven Psychologie“ unser Leben zum Blühen bringen können …

Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie hat eine Vielzahl von Konzepten entwickelt. Ich erwähne hier zwei Wesentliche davon. 

Zuerst die erlernte Hilflosigkeit, die besagt dass Menschen, die negative Erfahrungen gemacht haben die Überzeugung entwickeln, die eigene Lebenssituation nicht zum Besseren verändern zu können und darüber hinaus auch noch denken, selber die Schuld dafür zu tragen. Dieses Konzept lässt sich auch zur Erklärung von Depression heranziehen.

Den Gegenpol zur erlernten Hilflosigkeit bildet der erlernte Optimismus. Ja, das gibt es auch! Optimismus lässt sich lernen! – Eine gute Nachricht in Zeiten wie diesen.

Was unterscheidet Optimisten von Pessimisten? Fragt man den amerikanischen Professor Seligman lernt man, dass Optimisten die Ursache für angenehme Ereignisse und Erfolge eher sich selbst zuschreiben.  Unangenehme Ereignisse sehen Optimisten eher durch die situationsbedingten Umständen bedingt. Seine Formel für ein geglücktes Leben heißt PERMA und besteht aus:

Positive Emotionen: Das bedeutet konkret ein regelmäßiges Erleben von Dankbarkeit, Genuss und Zuneigung und eben das optimistische in die Zukunft blicken.

Engagement: Wenn Menschen ihre Stärken leben und einsetzen können, werden sie zufriedener und gehen in ihren Aktivitäten auf. Sie können sich als Teil eines größeren Ganzen erleben.

Relationship: Gute Beziehungen, zu einer Gruppe gehören, tiefe Freundschaften, romantische Partnerschaften, in einer funktionierenden Familie eingebettet sein und die Stärke der Bindungsfähigkeit und der liebenden Zuwendung Anderen gegenüber ist ein Teil der Glücksformel.

Meaning: Einen Sinn im Leben finden, sinnhaftes Tun – über die eigene Existenz hinaus, ist ein weiterer Glücksfaktor.

Aims/Achievement/Accomplishment: Das A steht für Ziele und das Erreichen derselben. Es geht um kleine und große Ziele, die, wenn sie erreicht werden, das Selbstwertgefühl steigern und Zufriedenheit entstehen lassen (Vorsicht: Nur dann, wenn nicht unmittelbar nach Erreichen sofort das nächste Ziel gesteckt wird!).

Kritiker der positiven Psychologie prangern den „gute-Laune-Zwang“ an und den Versuch, Menschen umzuprogrammieren.

In meiner psychotherapeutischen Praxis habe ich aber schon die Erfahrung gemacht, dass sich die Perma-Formel gut eignet, um Menschen zu helfen, ihrer Lebenszufriedenheit ein Stück näher zu kommen.

To where you are …

Josh Groban singt mit seiner unglaublichen Stimme ein wunderschönes Lied. Es tröstet all jene, die einen geliebten Menschen verloren haben und sich gerne an ihn oder sie erinnern. Wenn ich dieses Lied mit dem starken Text höre, denke ich an einige meiner Klienten und Klientinnen, die einen großen, unsagbaren Verlust erlebt haben und diesen auch ein Stück mit mir geteilt haben. Für euch ist dieses Lied!

Wer kann es schon sicher sagen?
Vielleicht bist du noch hier
Ich fühle dich überall um mich herum
Die Erinnerungen an dich sind so klar

Ganz tief in der Stille,
kann ich dich sprechen hören

Du bist immer noch eine Inspiration
Kann es sein?
Dass du meine ewige Liebe bist –
und du von oben auf mich aufpasst

Fliege mich dahin, wo du bist –
hinter den weitentfernten Stern.
Ich wünsche mir heute Nacht,
hier unten dein Lächeln zu sehen –
und wenn es nur eine Weile ist,
um zu wissen, dass du hier bist
.
Ein Atemzug ist nicht weit
zu dem, wo du bist.

Schläfst du sanft, hier in meinen Träumen?
und hat es nicht mit Glauben zu tun, zu glauben,
dass nicht alle Kräfte gesehen werden können?

Wie mein Herz dich hält,
nur ein Schlag entfernt –
halte ich, alles was du mir gegeben hast, jeden Tag in Ehren!
Denn du bist meine ewige Liebe,
die von oben auf mich aufpasst.

Und ich glaube,
dass Engel atmen,
und dass Liebe immer weiter lebt –

und nicht vergeht

Fliege mich dahin, wo du bist
hinter den weitentfernten Stern
Ich wünsche mir heute Nacht,
hier unten dein Lächeln zu sehen
und wenn es nur eine Weile ist,
um zu wissen, dass du hier bis
t
Ein Atemzug ist nicht weit

zu dem, wo du bist
Ich weiß, dass du da bist
Ein Atemzug ist nicht weit
zu dem, wo du bist.

Nachtrag: Eine nette Version von einem live-concert. Josh Groban singt das Lied als Duett mit Maude, einer Besucherin seines Konzerts in Montreal. Einfach unglaublich!

Im Wald baden – eine Empfehlung zum Verbinden mit der Natur

Auf dem 1er Weg in Spital am Pyhrn …

Was weltweit gerade einen Hype erlebt, kann nicht ganz verkehrt sein: Zu Fuß im Wald spazieren! Das hört sich vergleichsweise banal an, hat es aber in sich und hilft gegen die zunehmenden Gefühle der Verunsicherung und Entfremdung, die mir Menschen in der therapeutischen Praxis beschreiben.

Mia Eidlhuber schreibt im Standard vom 8. Juni 2019 über dieses „weltweite-Slow-Nature-Movement“. In Japan heißt es Shinrin Yoku – das Waldbaden, in China nennt man die Naturtherapie Senlinyú, in Korea Sanlimyok und in Kalifornien nützt das Forest-Bathing, Forest Yoga oder das Tree Hugging, um zur Ruhe zu kommen.

Sich also, statt mit gesenktem Kopf im Konsum unseres digitalen Gerätes zu erschöpfen, aufzumachen, in den Wald, zu gehen, stehen, innehalten, hinsetzen, atmen, staunen, hören, einatmen, dem Atem folgen, riechen, verweilen, lauschen, Gedanken ziehen lassen, und eine heilende Verbindung mit dieser wunderbaren Umgebung herzustellen, kann hier nur wärmstens empfohlen werden.

Sich mit der Natur zu verbinden, hilft bestimmt nicht nur der seelischen Ausgeglichenheit, es unterstützt uns vielleicht auch dabei, unsere klimabelastenden Gewohnheiten zu hinterfragen und abzulegen. Und dann kann es passieren, dass man erkennt, um wie viel leichter es sich lebt, wenn man die eigene Mobilität eingrenzt, Zug fährt (da ziehen auch manchmal Wälder vorbei), Tiere leben lässt und sich vegetarisch ernährt und mit weniger materiellen Dingen sein Auskommen findet.

So viel gewonnene Zeit um einfach nur im Wald herum zu stehen und darin zu baden!

Psychisch gesund bleiben inmitten von Krisen


Die österreichische Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb am 12. April 2019 in Linz beim „Streikenden Klassenzimmer“ der Fridays for Future Bewegung

Als Psychotherapeutin beschäftigen mich nicht nur die Behandlung und Arbeit mit erkrankten Menschen. Ich überlege auch – nicht zuletzt aus Eigennutz – wie man in Zeiten von Klimakrise, Politikverdrossenheit, Unruhen, Kriegen, Gefahren der Aufrüstung, etc. überhaupt seelisch gesund bleiben kann.

Zum einen hat unsere psychische Natur gute Methoden entwickelt, (lebens)bedrohende Ereignisse, die nicht unmittelbar verarbeitet werden können, abzuwehren, abzuspalten, zu verleugnen oder zu verdrängen. Diese Schutzmechanismen sind überlebensnotwendig. Anders würden Menschen traumatische Erfahrungen nicht verarbeiten können.

Ich beobachte diese Phänomene besonders in der derzeitigen Klimadiskussion. Nicht nur Politiker, sondern auch kritisch denkende Menschen schalten auf „Durchzug“, wenn das Wort Klimakrise fällt. Es ist ein großes Thema, das wenn man es angeht, sämtliche vorhandenen Systeme weltweit (Wirtschaft, Handel, Leben, Konsum, Mobilität, Ernährung, Verteilung, Wohnen, soziale Gerechtigkeit etc.) in Frage stellt. Ich behaupte, den Klimawandel zu ignorieren oder gar zu leugnen, wie es besonders im Umfeld von rechtspopulistischen Parteien geschieht, ist die größte Verdrängungsleistung der Menschheit.

Wie sollte man daher idealerweise mit Katastrophen umgehen? Wie sollte man darüber sprechen?

Denn, wenn das Problem zu groß ist (oder zu groß gemacht wird), ignorieren es die Menschen einfach, werden passiv und geben auf. Das passiert viel eher, als dass der Einzelne/die Einzelne Anstrengungen unternimmt, etwas dagegen zu tun. Jemand anderem die Schuld zuzuschieben hilft auch nicht weiter, ist aber natürlich einfacher. Dazu kommt, dass sich die meisten Menschen in ihrem täglichen Alltag/Hamsterrad fangen lassen. Oder handelt es sich bei dem „Fangenlassen“ auch wieder um Abwehr?

Was steht dieser Entwicklung entgegen und was lässt sich tun?

Wenn die oben genannten Abwehrmechanismen nicht mehr ausreichend greifen, kann es so weit kommen, dass Menschen eine affektive Störung (z. B. eine Depression) entwickeln. Greta Thunberg, die Ikone der Klimabewegung, ist das in jüngeren Jahren passiert.

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Selbstverständlich sollte, wenn irgendwie möglich, eine krankheitswertige Störung vermieden werden! Als Psychotherapeutin empfehle ich, Handlungen zu setzen, anstatt passiv abzuwarten und zu lamentieren. Eine Selbsterfahrung im Rahmen einer Therapie wäre natürlich auch eine Möglichkeit. Die Sinnlosigkeit und Ohnmacht egal welcher Materie gegenüber, lässt sich am besten durch Selbstwirksamkeit bekämpfen.

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung wurde von dem Psychologen Albert Bandura entwickelt. Hierbei handelt es sich um die Erwartung einer Person, mithilfe eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen erfolgreich ausführen zu können. Etwas aus eigener Kraft bewirken zu können, an sich zu glauben und auch in schwierigen Situationen selbständig handeln zu können, zeigt eine hohe Selbstwirksamkeit. Dazu gehört die Annahme, man könne als Person gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen, statt Veränderungen dem Zufall oder anderen äußeren Einflüssen zu überlassen. Selbstwirksamkeit ist ein Bedürfnis des Menschen. Je mehr Selbstwirksamkeit ein Mensch erlebt, umso höher wird seine/ihre Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben. Gleichzeitig sinkt die Gefahr, an Angststörungen oder Depression zu erkranken. Ein positiver zirkulärer Effekt also.

Ein Problem wie den Klimawandel zu ignorieren macht die psychischen Folgen schlimmer. Hingegen den Weg aus der Isolation zu wagen, sich mit anderen zu solidarisieren, sich zu engagieren und auszutauschen erweist sich als günstig.

Aber, und hier zitiere ich aus einem Interview mit dem deutschen Ex-Politiker und evangelischen Theologen Ulrich Kasparick: „Ein Mensch, der sich in diesem Themenbereich engagieren will, braucht eine sehr gute seelische Hygiene, ein gutes seelisches Gegengewicht, positive seelische Energie, denn sonst verliert man den Verstand. Er muss auf sich gut aufpassen. Es ist eine große Gefahr. Das ist ganz, ganz wichtig. Das bedenken manche NGOs nicht. Deshalb ist es immer wieder gut, ein bisschen Abstand zu nehmen. Zumindest den Versuch zu machen, von außen drauf zu gucken. Dann auch unterscheiden zu lernen: Was ist mir möglich, was ist mir nicht möglich. Das Problem bei diesen Fragestellungen ist, dass man sich überfordert mit globalen Fragestellungen, das können wir individuell nicht hinkriegen und stattdessen zu sehen, was ist uns möglich, dann wieder wie bei Greta, den Schritt zu sehen und auch zu tun. Das ist bei vielen dann das Problem, es zu tun.“

Lebens- und Sinngewinn sind durch ein nachhaltigeres Leben möglich. Lieber sitze ich in der leeren Praxis und Sie streiken währenddessen für den Klimaschutz oder setzen Handlungen, die sich positiv auf Ihr seelisches Befinden und unsere Gesellschaft auswirken und ich hänge meinen Beruf an den Nagel, weil nicht Arten ausgestorben sind, sondern die depressiven Erkrankungen.

Schwerkranke Menschen begleiten


In meiner Arbeit als Supervisorin darf ich Einblick nehmen in die medizinische und pflegerische Arbeit von MitarbeiterInnen einer onkologisch-palliativen Abteilung eines Krankenhauses.

Dort sind die Diagnoseverkündigung und Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen in schwierigen Stunden Teil der täglichen Routinearbeiten. Doch die hochindividuelle Betreuung ist alles andere als Routine. Ich bin wirklich beeindruckt, wie sensibel und umsichtig die MitarbeiterInnen mit ihren anvertrauten PatientInnen umgehen. Das Bestmögliche aus der tragischen Situation zu machen, ist ihr allererstes Anliegen. Dasein, halten, begleiten, aushalten, mittragen, zuhören, Tränen trocknen, reden und nebenbei alle therapeutischen Maßnahmen durchzuführen sind die Arbeitsaufgaben der BehandlerInnen.

Bei der supervisorischen Fallbesprechung stellen wir fest, wie sehr die Arbeit mit dieser PatientInnengruppe auch bereichert. Wir sind alle miteinander dankbar für unser Leben, für jeden Tag, für unsere Gesundheit, für unsere Handlungsfähigkeit, für unsere Entscheidungsfähigkeit, für unser Da-Sein für unsere Liebsten im Hier und Jetzt. Heute findet das Leben statt. In diesem Moment. Während Sie diese Zeilen lesen Leben Sie, leben Sie jetzt! Warten Sie nicht, bis Ihr Leben besser ist, oder bestimmte Ziele erreicht sind. Wir leben nur im Augenblick wirklich. Danke für diese Erinnerung in meiner wunderbaren Arbeit!

Trau dich, geh’s an, tu es, handle, sei mutig: SPRING

Ina Regen ist die musikalische Entdeckung des letzten Jahres. Die freundliche Musikerin hat lange an ihren Traum geglaubt und gebastelt, um endlich groß durchzustarten, was ihr hervorragend gelungen ist. Ihre Lieder bewegen und sind aus der Seele geschrieben und für unsere regionale sprachliche Herkunft so verständlich, weil es unser Dialekt ist, der die Themen umsetzt. Dieses Lied ist wunderbar und ermutigend und hilft aus der Angsthasenstarre heraus!

Ruhe im Alltag finden


Jon Kabat-Zinn hat eine wirksame Methode entwickelt, die er und seine MitarbeiterInnen in der von ihm gegründeten Stress Reduction Clinic in Massachusetts tausendfach klinisch erprobt haben: MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) – auf deutsch: Stressreduktion durch Achtsamkeit.

MBSR ist eine effektive Selbsthilfemethode, die im Gesundheitsbereich, in pädagogischen und sozialen Einrichtungen weltweit erfolgreich eingesetzt wird. In den klar strukturierten 8-Wochen-Kursen lernt man in einer Gruppe und vor allem zuhause mit Hilfe einer Übungs-CD achtsamer mit sich selbst umzugehen und dadurch ein anderes, neues und bekömmlicheres Stressmanagement zu erreichen.

Die Methode besteht aus drei Grundübungen: Body Scan (eine Körperwahrnehmungsübung, die der Konzentration und der Entspannung dient), verschiedene Formen der Achtsamkeitsmeditation im Sitzen, Gehen, bei alltäglichen Arbeiten etc., sowie achtsam ausgeführte Körperübungen (ähnlich wie bei Yoga).

Achtsamkeit ist eine Kunst, die uns erlaubt den unmittelbaren Moment – das Hier und Jetzt – zu erleben. Viele Menschen (zumindest jene, die mir in meiner Therapiepraxis einen Einblick in ihr Erleben geben) neigen dazu, entweder in der Vergangenheit zu leben oder sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Das Jetzt bleibt ausgespart und somit auch das Erleben und Sein und die Gelegenheit Glück zu erfahren. Ein bewussteres Umgehen mit unserem Körper, unseren Gedanken, unseren Gefühlen und unseren Wahrnehmungen lässt sich durch Achtsamkeitstraining fördern. Durch das Gewahrsein der eigenen Lebendigkeit von Moment zu Moment haben wir die Chance, unser Leben auch im Angesicht von schwierigen Situationen harmonischer und erfüllter zu gestalten. Oder wie Jon Kabat-Zinn es ausdrückt: „zu ruhen im ganz normalen Wahnsinn des Alltags“.

Buchtipps zum Weiterlesen: Ruhe im Alltag finden und Gesund durch Meditation (beide von Jon Kabat-Zinn).

Krankheiten zweiter Klasse und unklare Versorgungsstruktur für Menschen mit psychischen Erkrankungen


Marie-Theres Egyed schreibt mir im Standard-Kommentar vom 1. März 2019 von der Seele. Psychotherapie sollte, wie jede andere Krankenbehandlung auch: kostenfrei, ausreichend und zweckmäßig für alle Menschen, die diese benötigen zur Verfügung stehen. Hier ihre Ausführungen.

Psychotherapie auf Krankenschein wäre ein erster Schritt, die Krankheiten zu enttabuisieren und den Betroffenen Perspektiven aufzuzeigen.

Knapp jeder fünfte Österreicher erleidet im Laufe seines Lebens eine psychische Krankheit, Tendenz steigend. Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Demenz, es kann jeden treffen. Wie die Betroffenen versorgt werden, hängt von Wohnort, Sozialversicherung und Einkommen ab. Das ist erschreckend. Diese Krankheiten sind belastend: für Betroffene, ihre Angehörigen und – unbehandelt – auch für die Gesellschaft. Die Versorgung durch und das Angebot an Psychotherapie ist regional ungleich verteilt, zwischen den Bundesländern und Trägern schlecht koordiniert – und für die Betroffenen einfach unzumutbar, wie der Rechnungshof bestätigt. Denn bei körperlichen Krankheiten gibt es – beinahe selbstverständlich – eine Therapie auf Krankenschein, bei psychischen Krankheiten nicht. Die Gebietskrankenkassen haben Verträge mit Versorgungsvereinen für ein bestimmtes Stundenkontingent abgeschlossen. Reicht das nicht aus, muss der Patient die Kosten für eine Therapie vorstrecken, der Betrag, der von den Kassen rückerstattet wird, ist verschwindend gering. Dabei müsste doch der Staat ein Interesse daran haben, niederschwellige Angebote zu schaffen, damit es bei einer einmaligen Erkrankung bleibt und sie sich nicht zu einem chronischen Zustand verfestigt. Denn die Folgekosten für Krankenstand, Berufsunfähigkeit, Rehabilitation sind enorm. 300 Millionen Euro betrugen die Mehrkosten für Krankheitsfolgen im Jahr 2016. Trotzdem werden psychische Krankheiten hierzulande weiterhin wie Krankheiten zweiter Klasse behandelt. Das ist kurzsichtig und ein klares Versäumnis in der Gesundheitspolitik. Betroffene sind mit einem Stigma behaftet und mit Scham belastet. Psychotherapie auf Krankenschein wäre ein erster Schritt, die Krankheiten zu enttabuisieren und den Betroffenen Perspektiven aufzuzeigen.

(Marie-Theres Egyed, 1.3.2019)