Krankheiten zweiter Klasse und unklare Versorgungsstruktur für Menschen mit psychischen Erkrankungen


Marie-Theres Egyed schreibt mir im Standard-Kommentar vom 1. März 2019 von der Seele. Psychotherapie sollte, wie jede andere Krankenbehandlung auch: kostenfrei, ausreichend und zweckmäßig für alle Menschen, die diese benötigen zur Verfügung stehen. Hier ihre Ausführungen.

Psychotherapie auf Krankenschein wäre ein erster Schritt, die Krankheiten zu enttabuisieren und den Betroffenen Perspektiven aufzuzeigen.

Knapp jeder fünfte Österreicher erleidet im Laufe seines Lebens eine psychische Krankheit, Tendenz steigend. Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Demenz, es kann jeden treffen. Wie die Betroffenen versorgt werden, hängt von Wohnort, Sozialversicherung und Einkommen ab. Das ist erschreckend. Diese Krankheiten sind belastend: für Betroffene, ihre Angehörigen und – unbehandelt – auch für die Gesellschaft. Die Versorgung durch und das Angebot an Psychotherapie ist regional ungleich verteilt, zwischen den Bundesländern und Trägern schlecht koordiniert – und für die Betroffenen einfach unzumutbar, wie der Rechnungshof bestätigt. Denn bei körperlichen Krankheiten gibt es – beinahe selbstverständlich – eine Therapie auf Krankenschein, bei psychischen Krankheiten nicht. Die Gebietskrankenkassen haben Verträge mit Versorgungsvereinen für ein bestimmtes Stundenkontingent abgeschlossen. Reicht das nicht aus, muss der Patient die Kosten für eine Therapie vorstrecken, der Betrag, der von den Kassen rückerstattet wird, ist verschwindend gering. Dabei müsste doch der Staat ein Interesse daran haben, niederschwellige Angebote zu schaffen, damit es bei einer einmaligen Erkrankung bleibt und sie sich nicht zu einem chronischen Zustand verfestigt. Denn die Folgekosten für Krankenstand, Berufsunfähigkeit, Rehabilitation sind enorm. 300 Millionen Euro betrugen die Mehrkosten für Krankheitsfolgen im Jahr 2016. Trotzdem werden psychische Krankheiten hierzulande weiterhin wie Krankheiten zweiter Klasse behandelt. Das ist kurzsichtig und ein klares Versäumnis in der Gesundheitspolitik. Betroffene sind mit einem Stigma behaftet und mit Scham belastet. Psychotherapie auf Krankenschein wäre ein erster Schritt, die Krankheiten zu enttabuisieren und den Betroffenen Perspektiven aufzuzeigen.

(Marie-Theres Egyed, 1.3.2019)

Geheimnisse für Eltern…

Achtung: Hier wird ein Geheimnis gelüftet!!! Hier schreibe ich, was Eltern stark macht – besonders wenn die Erziehungssituation mit ihren Kindern fordert.

Also, eigentlich schreiben es Haim Omer und Philip Streit in ihrem Buch: Neue Autorität: Das Geheimnis starker Eltern. Was sie zu sagen haben ist so gut, dass es alle Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen und Betreuer wissen sollten.  

Das Konzept der Neuen Autorität ist derzeit in aller Munde. Mir gefällt’s auch und ich erlebe es als Mutter, in der Elternberatung, im Umgang mit Kindern- und Jugendlichen und in der Supervision in Arbeitsfeldern mit oppositionellen Kindern und Jugendlichen oder beeinträchtigten Menschen, dass es ein sowohl einfaches wie brauchbares und wirkungsvolles Konzept darstellt.

Worum geht’s im Groben? Um eine Verknüpfung von Autorität und Beziehung.

Das Konzept der Neuen Autorität bezieht sich auf folgende Grundprinzipien:

  1. Elterliche Ankerfunktion: Eltern sind sicherer Hafen. Dazu müssen sie selbst gut verankert sein und von ihrer Selbstwirksamkeit überzeugt sein (vs hilflos und ratlos!). Sie sind Struktur- und Regelgeber, sind präsent, üben sich in wachsamer Sorge, unterstützen, kontrollieren sich selbst und deeskalieren.
  2. Präsenz: Eltern kümmern sich um gute Abläufe und nehmen Verantwortung für das familiäre Klima und die Gestaltung der Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern. In Konfliktsituationen versuchen sie zu deeskalieren, z. B. indem sie nicht unüberlegt überregieren, sondern etwas später reagieren: „Schmieden Sie das Eisen, wenn es kalt ist.“ (S. 35). Beide Eltern sollten gemeinsam handeln und sich bei Bedarf auch von Großeltern, Onkeln, Tanten, Freunde, Lehrer unterstützen lassen.
  3. Wachsame Sorge: Eltern beteiligen sich verantwortungsbewusst am Leben ihrer Kinder. Eltern stärken ihre Kinder Eigenverantwortung zu entwickeln. Die wachsame Sorge hat nichts mit Überbehütung oder Überwachung zu tun.
  4. Deeskalation und Selbstbeherrschung: Möglichkeiten sind z. B. seine Reaktion zu verzögern, wertschätzend und konstruktiv zu kommunizieren, das Wir betonen statt dem Ich und dem Du, Fehler zugeben und korrigieren, beharren statt besiegen und Beziehungsgesten einsetzen (S. 73).
  5. Unterstützung: Der Autor fordert: Geben Sie Ihre Privatsphäre auf, stehen Sie zum Problem und nehmen Sie Helfer an Board!
  6. Präsenz und Widerstand statt Bestrafen und Belohnen: Dieser von Omer entwickelte Widerstand stärkt die Eltern und die Eltern-Kind Beziehung. Es werden klare Tipps zur elterlichen Kommunikation (Wir-Botschaften) und der Durchführung von Sitzstreiks gegeben.
  7. Wiedergutmachung als Verstärkung von Entschuldigungen.

Eltern nehmen eine neue Haltung an. Sie widerstehen Provokationen, regen eine Widergutmachung an und fordern Unterstützung ein. Es geht in diesem Konzept auch um das notwendige elterliche „NEIN“. Der Ratgeber ist ein Plädoyer für das freudvolle familiäre Miteinander. Dringende Empfehlung Lesen und Ausprobieren!

… durch Konflikte und Streit über die richtigen Wege in die Zukunft.

… für eine nachhaltigere Klimapolitik

Als Psychotherapeutin bin ich oft sehr weit weg von der Welt, im zeitlosen Raum der Therapiestunde mit meiner Klientin oder meinem Klienten. Wir versuchen Lösungswege zu finden, die Leidenszustände verringern und neue Möglichkeitsräume herstellen. Es geht um das Individuum, dem Menschen, der vor mir sitzt, es geht aber auch um die Systeme (Beziehungen, Familie, Arbeitsplatz usw.), in denen sich dieser Mensch bewegt. Und da kommt dann auch wieder die Welt ins Spiel. Genauso in den Supervisionsprozessen: Es geht nicht nur um Helfer oder Helferin und Hilfesuchenden, es geht um das System, in dem sich das ganze abspielt, die Arbeitswelt, die Politik, letztendlich der Gesellschaft, der Welt.

Und was hat jetzt wieder der Klimawandel mit dem Leidenszustand Einzelner zu tun? Schon auch was, denke ich. Diese Passivität, dieses Lamentieren: Dass nichts geschieht von oben, dass es ja nicht reicht, wenn ein paar Hanseln was machen, dass ja Zeit und Einfluss fehlt und dass all diese Beschreibungen die eigene Handlungsunfähigkeit unterstreichen und verstärken. Und was möchte ich als Psychotherapeutin in Menschen anregen: Handlungsfähigkeit, raus aus der Passivität, raus aus der Opferhaltung, raus aus der selbsterfüllenden Prophezeihung, dass sich nichts bewegt, … . Und die gewonnene Handlungsfähigkeit schafft dann tatsächliche Möglichkeiten in allen Lebensbereichen und in den Beziehungen. Man kann sie nutzen, für Diskussionen, für das Austragen von Konflikten, für das Tätig werden, für das Mitformen von Zukunft. Das fördert auch die psychische Gesundheit, mit Sicherheit.

Der Ökonom Fred Luks schreibt im heutigen Standard im „Kommentar der Anderen“ über die richtigen Wege in die Zukunft  in puncto Klimawandel. Er sagt : „Der Klimawandel wird nicht durch „magischen Wandel“ und „grüne Wunder“ (Anmerkung: wie es die Zukunftsforscher Horx und Dettling erhoffen) verhindert werden, sondern durch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, Konflikte und Streit über die richtigen Wege in die Zukunft. Nachhaltigkeit muss auch dahin gehen, wo’s wehtut. Nur dann werden wir Fortschritt, Zukunftsfähigkeit und Schönheit zusammenbringen. Wetten?“ 

Dazu braucht es handlungsfähige Menschen, die in Beziehung gehen können und wollen. Psychotherapie kann dabei Unterstützung sein, sich vom eigenen System in größere Systeme gedanklich und in Taten zu bewegen. Man muss nur damit anfangen und aus dem eigenen System rauskommen. Wetten!?

Neues aus meiner Praxis

Ab März 2019 wird meine Kollegin Barbara Schusterbauer als Untermieterin in meiner Praxis arbeiten.

Das ist die logische Konsequenz aus meinem Vorhaben, 2019 mehr zur Klimawende beizutragen. Ich will für mich die Ausrede, ökologisch leben kann ich mir zeitlich nicht leisten, nicht mehr gelten lassen. Ich befasse mich schon einige Zeit mehr theoretisch als praktisch mit dem Thema Klimaveränderung und Verteilungsgerechtigkeit. Als naturwissenschaftlich orientierte Menschin glaube ich den Worten der Klimaforscher. Eine davon, die Österreicherin Helga Kromp-Kolb meinte letzte Woche sinngemäß in der Ö1-Sendung Radio Kolleg: „Es genügt nicht mehr, selber das Richtige zu tun, sondern man muss auch Druck machen auf jene, die sich noch nicht beteiligen.“

Ich versuche in meinem Leben, wenn möglich auf unnötige Konsumgüter zu verzichten. Ich fahre Bahn und (Elektro)-Rad und immer seltener Auto. Ich vermeide, wenn irgendwie möglich Flugreisen, was mir als ehemalige Globetrotterin sehr schwer fällt. Ich versuche mehr und mehr das Plastik aus meinem Leben zu verbannen. Kleine Schritte, aber doch … . Und weil es eben nicht mehr reicht, nur sein eigenes Leben zu verändern, um die Klimawende hinzukriegen, neige ich auch dazu, auch den Menschen um mich herum davon zu erzählen (wie in diesem Blog-Beitrag). Ich bin optimistisch und will handlungsfähig bleiben und lasse die Argumente: „Einer alleine kann ja nix ändern, das bringt ja nichts, …“, nicht mehr gelten. Alle bedeutenden Revolutionen gingen vom Volk und von Einzelnen aus. In Ried formiert sich gerade ein Verein (TRAFOS), der „Nachhaltig leben im Innviertel“ fördern möchte, indem er vernetzt und Leute zusammenbringt, die Veränderung leben möchten. Die Homepage ist gerade am Werden und orientiert sich an einem fantastischen Projekt, dass zwei engagierte Frauen in Graz gestartet haben: www.nachhaltig-in-graz.at. Und dann sagt noch einer, eine alleine kann nichts verändern!

Meine Praxis als Co-Working Platz zu öffnen ist auch ökologisch sinnvoll. So freue ich mich darauf, dass Barbara Schusterbauer als Kollegin und Psychotherapeutin (in Ausbildung unter Supervision) mit der Fachrichtung Personzentrierte Psychotherapie das psychotherapeutische Angebot in Ried bereichert!

Meine Praxiszeiten schränken sich deshalb ein und sind:

Mo 17.00 -19.00 Uhr

Di 9.00 -14.00 Uhr

Mi 8.00 -13.00 Uhr

Fr 8.00 -16.00 Uhr

Ich biete als Kooperationspartnerin des Kinderhilfswerk kostenfreie Therapiestunden für Kinder- und Jugendliche an und als Mitarbeiterin bei PROGES und der Gesellschaft für Psychotherapie kostenfreie Kassenplätze für Erwachsene an. Psychotherapie sollte allen zur Verfügung stehen, die sie brauchen unabhängig von der jeweiligen wirtschaftlichen Situation des Hilfesuchenden/der Hilfesuchenden. (Stichwort: Verteilungsgerechtigkeit). Natürlich hat kostenfreie Therapie Wartezeiten, aber diese werden kürzer, da das Angebot im Vorjahr ausgebaut wurde.

Infos und Kontaktdaten finden Sie auf meiner Homepage!

Teenager sollten ermutigt werden, die richtigen Risiken auf sich zu nehmen!

Nachdem der vorletzte Blog-Beitrag vom Ende des Lebens handelte, braucht es auch wieder etwas von der anderen Seite des Lebensspektrums: Die Zeit der Pubertät ist eine besondere Entwicklungszeit, in der sehr viele Weichen für das spätere Leben gestellt werden. Der Totalumbau des jugendlichen Gehirns ist der Grund, warum Jugendliche beispielsweise sehr kreativ sind.

Sarah-Jayne Blakemore bringt uns mit ihrem vor kurzem erschienenem Werk: Das Teenager GehirnDie entscheidenden Jahre unserer Entwicklung auf den aktuellen Forschungsstand was vor allem das pubertierende Gehirn anbelangt. Die Professorin für Kognitive Neurowissenschaften schreibt Ihre Erkenntnisse so nieder, dass sie auch vom interessierten Laien ohne Vorwissen leicht gelesen werden können.

Durch die neueren Forschungsmethoden (funktionelle MRI-Untersuchungen statt Gehirnschnitte) lässt sich Folgendes über Teenagergehirne und die Zeit der Pubertät sagen:

  • Das Gehirn befindet sich in einem totalen Umbau, der mit ca. 11-12 Jahren beginnt und erst mit ungefähr 25 Jahren abgeschlossen ist. Danach bleibt das Gehirn weiter plastisch und bleibt veränderbar.
  • Es handelt sich um eine wertvolle Entwicklungsphase, die mit verstärkter Kreativität und unkonventionellem Denken, Energie und Leidenschaft daherkommt (S. 252). Jugendliche tun sich leichter als Erwachsene, sich originelle Ideen und Lösungen für Probleme auszudenken.
  • Diese Phase ist dann zu Ende, wenn der Heranwachsende seinen oder ihren Platz in unserer Gesellschaft gefunden hat und mehr weiß, wer er oder sie sein möchte.
  • Das Hochrisikoverhalten der jungen Erwachsenen wird eher durch die Beobachtung von Peers gepusht und ist nicht per se Teil des Verhaltensspektrums. Auch soziale Medien wie Facebook, Instagram oder Snapchat bedienen den Eindruck, beobachtet zu werden und was andere über den Poster denken, ist nicht unwesentlich (S. 48f.) Stichwort: „Likes“. So sind junge Leute häufiger in Unfälle verwickelt, wenn ein Beifahrer dabei ist. Auch Straftaten begehen Jugendliche eher, wenn sie mit Freunden zusammen sind. Das Risikoverhalten und die besondere Neugier von Teenager sind aber dringend notwendig, damit sie erfolgreich sein können. Durch das in Kauf nehmen von Risken, wagen sie es, Fragen zu stellen, Entscheidungen selbständig zu treffen und sich auszuprobieren. „Teenager sollten ermutigt werden, die richtigen Risiken auf sich zu nehmen!“ (S. 245f.)
  • In der späten Adoleszenz (18.-25. Lebensjahr) ist das Gehirn besonders anfällig für psychische Krankheiten wie krankhafte Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Essstörungen und Depressionen. In dieser Zeit manifestieren sich leider bei manchen Menschen entwicklungsbedingte Störungen wie die Schizophrenie. Man vermutet u. a. eine genetische Komponente, Drogenkonsum (insbesondere Cannabisgebrauch), Stadtleben, Ablehnung, soziale Isolationen als Risikofaktoren für die Entstehung von Schizophrenie.
  • Cannabiskonsum vor dem 18. Lebensjahr ist für die kognitiven Fähigkeiten schädlicher als der Konsum in späteren Jahren. Die Studien zeigen auch, dass Alkoholkonsum in jungen Jahren weniger „Sofortnachteile“ wie Kater oder Müdigkeit hat.
  • Interessanterweise wurde noch kaum darüber geforscht, wie sich Medienkonsum auf die Gehirne von Heranwachsenden auswirkt. Wir wissen praktisch nichts darüber.
  • Das Gehirn von Heranwachsenden unterscheidet sich physisch von dem, kleinerer Kinder und dem Erwachsener.
  • Jugendliche hätten einen anderen Wach- und Schlafrhythmus würden wir es zulassen. Es wäre förderlich, würde die Schule erst am späten Vormittag beginnen und länger dauern. Viele leiden am Wochenende an einem „sozialen Jetlag“ und holen den versäumten Schlaf tagsüber nach.
  • Die Phase von Sturm und Drangs geht einher mit unkontrollierbaren und widersprüchlichen Gefühlen. Energie und Überschwang folgen oft rasch Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit und Melancholie.
  • Kinder brauchen zum Großwerden und Gedeihen dauerhafte Förderung und Forderung, eine fürsorgliche Umgebung und emotionale Unterstützung. Vernachlässigung von Kindern ist auch für die Gehirnentwicklung schädlich. Das kann ich unterstreichen. Aus der psychotherapeutischen Arbeit kenne ich Eltern, die denken, wenn ihr Kind 14 ist, braucht es kaum mehr Unterstützung, da es schon so selbständig ist. Oft wird ihnen ihr Irrtum erst Jahre später bewusst. Ich glaube nicht, dass dem so ist. Dranbleiben, die Beziehung halten und da sein, wenn Bedarf signalisiert wird bestimmt, welches Ich, welches Selbst ein Kind entwickelt.
  • Die Adoleszenz ist eine spannende Zeit und die Erinnerungen an Erlebnisse dieser Zeit bleiben lebhafter und halten länger an, als solche in anderen Lebensphasen.
  • „Die Adoleszenz ist die Lebensphase, in der wir ein weitrechendes Gespür für uns selbst entwickeln und insbesondere darauf achten, wie andere uns sehen. Der lange Weg der Adoleszenz rüstet uns mit einem Gefühl der eigenen Identität und einem Verständnis für andere Menschen aus, so dass wir zu selbständigen Erwachsenen werden können, die nicht mehr so stark auf ihre Eltern und Familien angewiesen sind und sich in der Gruppe der Gleichaltrigen etablieren. Die Adoleszenz ist ebenso wie die Kindheit eine Zeit der Entwicklung und des Wandels.Das Teenagergehirn ist nicht kaputt. Die Adoleszenz ist eine Lebensphase, in der das Gehirn wichtige Veränderungen durchmacht: Das sollten wir verstehen, fördern und uns darüber freuen (S. 260ff.).

Begreifen, dass du deine eigene Heimat bist …

Julia Engelmann … eine großartige poetry slammerin! Hier die Dachkonzertversion von „Grapefruit zum Frühstück“.

Denn weißt du, letztes Jahr – in etwa in genau dem gleichen Zeitfenster
Wie jetzt – hab‘ ich mit stumpfen Schwerten mich und auch Gespenster bekämpft
Ich lag jeden Tag nur im Bett und hab‘ mir Fragen gestellt
Wie zum Beispiel: Was ist bloß mein Plan auf der Welt?
Aber all das Kopfzerbrechen, die gefährlichen Gefechte
Und Duelle gegen mich zehrten sehr an meinen Kräften
Bis ich mir mit weißen Flaggen nachts den Frieden angeboten hab‘
Weil ich, wenn ich gewinne, auch am Ende bloß verlor’n hab‘
Ich wollte immer wie die andern sein, nur dass das absolut nichts bringt
Und dass das absolut nicht geht, weil’s die andern ja schon gibt
Der Tag, an dem das klar war, war für mich der erste Neubeginn
Und heute kann ich sagen, dass ich meine beste Freundin bin.

Und eins noch: Mit ’nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden
Deshalb kannst du ja vielleicht mal mit ’nem Psychologen reden?!
Deshalb bist du nicht verrückt – also auch nicht mehr als ich …

Und ich will dir so vieles sagen wie zum Beispiel:
Du musst Phasen, so wie grade, nicht ertragen – nicht mal heimlich
Hör nicht auf die Zweifel, denn du bist nicht alleine
Hier, und alles geht immer weiter, immer weiter, so wie wir.



Sterblich sein… was am Ende wirklich zählt

Sterblich sein – Was am Ende wirklich zählt. Über Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung

Der Titel bzw. Untertitel des Buches von Atul Gawande fasst treffend zusammen, was einem als Leser oder Leserin erwartet und ist ein Buch für alle Menschen, weil wir alle sterblich sind.

Atul Gawande erörtert als Facharzt für Chirurgie, was es in der heutigen Zeit heißt, alt zu werden, was – betrachtet man die ganze Menschheitsgeschichte – ein eher neues Phänomen darstellt. Die moderne Medizin hat sich als Aufgabe gesetzt, alles Mögliche zu tun, um Lebenszeit zu verlängern und – wenn auch nur kurzfristig – über den Tod zu triumphieren und ihn immer weiter hinauszuschieben.

„In den letzten Tagen unseres Lebens werden wir, um einer winzigen Hoffnung und Besserung willen, Behandlungen unterzogen, die unser Gehirn benebeln und unseren Körper auslaugen. Wir verbringen diese Tage in Krankenhäusern und Pflegeheimen und auf Intensivstationen, wo straff reglementierte anonyme Abläufe uns von allem abschneiden, was uns im Leben wichtig ist. Da wir uns der ehrlichen Untersuchung der Erfahrung von Altern und Sterben nicht stellen wollen, fügen wir Menschen noch mehr Leid zu. Wir verweigern Ihnen den grundlegenden Beistand, dessen sie am meisten bedürfen. Da wir kein stimmiges Bild davon haben, wie ein gutes Leben bis zum Ende aussehen könnte, haben wir zugelassen, dass unser Schicksal von den Sachzwängen der technischen Medizin und den Anweisungen Fremder bestimmt wird.“ (S. 22f.)

Häufig wird außer Acht gelassen, was für einen unheilbaren, leidenden Menschen am Ende wirklich wichtig ist: Lebensqualität und ein würdevoller Abgang im eigenen Zuhause im Beisein der nahestehenden Menschen. Auch meine Erfahrung im therapeutischen Alltag zeigt, dass sich die wenigsten Leute mit ihrer eigenen Endlichkeit beschäftigen (wollen). Die Begrenztheit des eigenen Seins wird gerne und gut verdrängt und oft erscheint es mir, wenn ich das Leben meiner Mitmenschen beobachte, dass sie dieses so anlegen und führen, als würden sie ewig leben.

Atul Gawande bricht eine Lanze für die geriatrische Medizin. Diese setzt sich mit der Ganzheit des menschlichen Seins und seiner Veränderung auseinander und verzichtet auf hochtechnische lebenserhaltende Apparate. Gespräche, Beobachtung und Unterstützung stehen im Vordergrund.

„Dieser schlichte und doch tiefgreifende Dienst, das Verständnis dafür, dass sich ein Sterbender alltägliche Annehmlichkeiten wünscht, dass er Gesellschaft braucht und Hilfe bei der Erreichung bescheidener Ziele – das ist es, was uns heute, über ein Jahrhundert später, so schrecklich fehlt.“ (Anmerkung: Der Autor bezieht sich auf Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch).

Palliativpflege versucht das Leiden von schwerkranken Menschen (dabei muss es sich nicht um Sterbende handeln) zu lindern. Der Autor zitiert eine großangelegte amerikanische Studie „Coping with Cancer“. Zwei Drittel der unheilbar kranken Krebspatienten berichten, kein Gespräch mit ihren behandelnden Ärzten darüber geführt zu haben, was sie sich am Ende ihres Lebens bezüglich Behandlung und Pflege wünschen. Die Studie zeigte, dass jene Patienten, die substantielle Gespräche geführt hatten, eher in Frieden und unter selbstbestimmten Rahmenbedingungen starben. Zudem fiele es den Angehörigen leichter, nach deren Tod weiterzuleben und ihr Depressionsrisiko war geringer.

In den prozesshaften Gesprächen werden allgemeine Fragen geklärt, wie sie in Patientenverfügungen vorkommen wie Widerbelebung nach Herzstillstand, Intubation, künstliche Beatmung, Antibiotikagabe oder künstliche Ernährung. Dann – und das ist der wesentliche Teil – geht es auch um den Umgang mit der überwältigenden Angst vor Tod und Leid. Dem Leidenden soll Zeit und Raum für seine Frage und sein Sprechen gegeben werden. Als passende Fragen nennt Gawande (S. 226):

„Was ist für Sie wichtig, wenn die Zeit knapp wird?“

„Wie verstehen Sie Ihre Prognose?“

„Was macht Ihnen Sorgen, wenn Sie an die Zukunft denken?“

„Worauf würden Sie am ehesten verzichten?“

„Wie wollen Sie Ihre Zeit verbringen, wenn Ihr Zustand sich verschlechtert?“

„Wer soll in Ihrem Namen entscheiden, wenn sie selber keine Entscheidungen mehr treffen können?“

Beizeiten diese Gespräche zu führen verlangt Mut und Tapferkeit von allen Beteiligten.

„Unsere Verantwortung in der Medizin besteht darin, Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Man stirbt nur einmal. Es gibt keine Erfahrungen, aus denen man schöpfen kann, die einen leiten können. Man braucht Ärzte, Schwestern, Pflegerinnen und Pfleger, die willens sind, die schweren Gespräche zu führen und zu sagen, was sie gesehen haben, die den Menschen dabei helfen, sich auf das Kommende vorzubereiten – und der herrschenden Besinnungslosigkeit zu entkommen, die nur wenige wirklich wollen.“ (S. 232)

Gawande meint weiters: „Die technologische Gesellschaft hat vergessen, was bewusstes Sterben ist und wie wichtig es für Menschen am Ende ihres Lebens sein kann, die Rolle des Sterbenden einzunehmen. Menschen am Ende ihres Lebens wollen Erinnerungen teilen, Weisheiten weitergeben, Beziehungen abschließen, Hinterlassenschaften regeln, Frieden schließen mit Gott und sicher sein, dass es ihren Hinterbliebenen gutgeht. Sie wollen ihre Geschichten so beenden, wie es ihnen entspricht. … Wir Mediziner zwingen Menschen immer wieder zu radikalen Brüchen am Ende ihres Lebens und sind blind für die Schäden, die wir damit anrichten.“ (S. 304)

Ins neue Jahr 2019 GEHEN

Es sind schon wieder einige Tage des Jahres ins Land gezogen, schön langsam erwachen zumindest die Kinder und Jugendlichen wieder aus der Winterruhe.

Was ist mit den guten Vorsätzen der Erwachsenen? Das Wetter macht dem Vorhaben, mehr Zeit draußen zu verbringen, derzeit einen Strich durch die Rechnung. Aber, ich würde sagen dranbleiben. Ich glaube, es gibt kaum etwas Nützlicheres für die seelische Ausgeglichenheit als zu gehen. Gehen, alleine, mit Freunden, sich auf einen Spaziergang treffen, reden und gehen, nachdenken und gehen, die Gedanken ziehen lassen und gehen …. gehen, gehen, gehen. Sobald der Schneesturm aufhört.

Ansonsten ist mein persönlicher Vorsatz, mehr von den Dingen zu tun, die mir wichtig sind: Gehen, lesen, spielen, nachdenken, langsamer durch die Welt gehen und den mir möglichen Beitrag zu leisten, den Planeten zu schonen: Ich möchte noch weniger Autofahren, mich allgemein weniger fortbewegen, und wenn dann gehen, auf Flugreisen verzichten, Ressourcen sparen, vor Konsumentscheidungen nachdenken, solidarischer leben, da sein, zuhören, mich dem Gemeinwohl verpflichten, auf eine Gesellschaft hoffen, die Menschlichkeit über Wirtschaftlichkeit stellt und Leistung durch Liebe ersetzt (das schreibt Andrea Maria Dusl in der ersten Falter-Ausgabe dieses Jahres). Ist doch schön! Die Kolumnistin will auch mehr am Meer sitzen. Wer nicht!?

Was passiert in einer Psychotherapie?

Bridge over troubled waters

Psychotherapie ist eine Behandlungsform, die prozesshaft abläuft. Zu Beginn einer Psychotherapie steht ein Erstgespräch. Dabei werden organisatorische Bedingungen geklärt und eine Idee dafür gewonnen, ob Sie als Klientin oder Klient mit mir als Psychotherapeutin korrespondieren. Sie geben mir einen Einblick in Ihre Lebensgeschichte und eine Idee davon, woran Sie arbeiten möchten: Oft sind es Leidenszustände, Sackgassen, Erkrankungen oder Beschädigungen, die das Leben an Ihnen verursacht hat. Wenn Sie nach dem Erstgespräch entscheiden, dass Sie Psychotherapie eine Chance geben wollen und ich für Sie als Therapeutin passe, definieren wir gemeinsam Therapieziele und entwickeln Ideen, welche ersten Schritte in diese gewünschte Richtung führen können.

Dabei begleite und unterstütze ich sie. Wie lange ein solcher Prozess dauert ist oft schwer abschätzbar. Erfahrungsgemäß brauchen abgegrenzte Themen, wie Entscheidungsfindung in einem Lebensbereich weniger Zeit als ein chronifizierter Leidenszustand, der schon jahrelang besteht. Manchen Menschen ist mit ein, zwei Therapieeinheiten geholfen, andere kommen für einige Monate 14-tägig zur Therapie, manche wenige ein Jahr oder länger.

Psychotherapie kann nur gelingen, wenn der Klient/die Klientin ein Veränderungsanliegen hat. Es ist kein passiver Vorgang, so wie etwa bei einem Masseur, wo man behandelt wird. Eine Depression kann ich allein als Therapeutin nicht wegbehandeln. Bleiben wir bei der Depression: Gemeinsam versuchen wir herauszufinden, wann diese stärker auftritt, wo weniger, wo es gar Ausnahmen gibt. Welches Verhalten verstärkt die Depression, durch welches Verhalten wird sie abgeschwächt. Wir benennen Unterschiede, finden Worte für Emotionen. Geben dem Erlebten Distanz und einen neuen Raum. Gemeinsam entwickeln wir Idee für alternative Umgangsweisen, neue Denkansätze, hinterfragen bestehende Glaubenssätze, entwickeln ein Bild von der Zukunft. Die Klienten beobachten Verhaltens- und Denkweisen und probieren Neues in ihrem Alltag aus, verwerfen Unbrauchbares, verstärken zielführendes Verhalten und Denken. Ich bin punktuell Begleiterin, Beobachterin und Zuhörerin, manchmal auch Mahnerin und immer Zeugin dieses Veränderungsprozesses.

„Ziel eines Therapeuten ist es, dem Leben der Menschen mehr Komplexität zu verleihen in dem Sinne, dass er sich wiederholende Verhaltenszyklen aufbricht und neue Alternativen zustande bringt.“

J. Hayley (systemischer Therapeut)

Rattatatam, mein Herz – Vom Leben mit der Angst

Ein Roman von Franziska Seyboldt

Endlich. Eine Autorin schreibt namentlich über ihre eigene Geschichte mit der Angst. Sie nennt die Angst und sich beim Namen und schreibt ohne Pseudonym: Ein weiterer Beitrag zur Enttabuisierung von psychischen Störungen! Dankeschön!

Der Text am hinteren Cover macht neugierig. Sie schreibt: „An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen, Tunnelblick an und los. An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. Ich taumle durch den Tag, immer auf der Suche nach etwas, woran ich mich festhalten kann.“

Die Autorin beschreibt ihr Leben mit der Angst. Diese wird von ihr oft buchstäblich personifiziert wahrgenommen. Sie ist ihre Begleiterin. Sie beschreibt ihre Versuche, sie loszuwerden, zu ignorieren, sich abzulenken. Auch Psychotherapie ist ein Thema. Ihr zweiter Anlauf beschert ihr einen für sie passenden Therapeuten – Dr. Goldberg. Hier eine kleine Kostprobe aus der Therapiestunde:

„Sie sind genau richtig so, wie Sie sind“, sagt Dr. Goldberg. „Aber das ist doch mal ein schöner Anlass, über Grenzen zu sprechen.“ Er schlägt die Beine übereinander und grinst.

Natürlich weiß Dr. Goldberg ganz genau, wo meine Schwachstellen sind, aber anstatt mit dem Finger in der Wunde rumzubohren, guckt er erst mal aus angemessener Entfernung drauf und wartet ab, bis ich selbst so weit bin, das Pflaster abzuspulen. Das rechne ich ihm hoch an. Außerdem mag er meine Metaphern.

Grenzen also. Ich muss an die Schildkrötentage denken, an denen ich einen natürlichen Abstand zum Rest der Welt habe, und daran, wie rar sie sind. Ich seufze.

„Im Grenzensetzen bin ich schlecht, fürchte ich.“

„Ach! Wie kommen Sie denn darauf?“

Wir wissen beide, dass er das ironisch meint.

„Zum Beispiel dieser Text, an dem ich zuletzt gearbeitet habe. Erst fand meine Redakteurin ihn ganz toll. Und plötzlich will sie ihn um die Hälfte kürzen und alle Witze rausstreichen. Das war so nicht abgemacht. Ich bin echt sauer.“

„Kann ich verstehen. Und, wie haben Sie reagiert?“

„Am liebsten hätte ich ihr direkt eine wütende Mail geschrieben.“

„Haben Sie aber nicht.“

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Solange ich das Gefühl habe, eine wütende Mail schreiben zu wollen, schreibe ich keine Mail.“

„Sie warten ab, bis der Ärger verraucht ist.“

„Genau.“

„Warum?“

„Weil ich Angst davor habe, dass ich überreagiere und etwas schreibe, das ich später bereue. Und ich will auf keinen Fall, dass meine Redakteurin sauer auf mich ist.“

„Aber Sie sind doch sauer auf sie!“

„Ja, aber das weiß sie ja bisher nicht.“

Das Verrückte ist, dass ich die rhetorischen Tricks von Dr. Goldberg erkenne und sie trotzdem wirken. Es ist, als würde ich ein Gespräch mit jemandem führen, der alles ganz klar und deutlich sieht und schon das Ziel vor Augen hat, während ich im Nebel herumeiere, und dann leitet er mich ganz behutsam an, wie ich da jetzt am besten rausfinde – weiter rechts, genau, und jetzt immer geradeaus. Ich bin Gretel im Gedankenwald, er ist Hänsel, der eine Spur aus kleinen weißen Steinen legt. Trotzdem fühlt es sich danach jedes Mal so an, als hätte ich den Weg ganz alleine gefunden.

„Ich fasse mal eben zusammen“, sagt Dr. Goldberg. „Sie sind sauer, wollen das aber nicht mitteilen, weil Sie Angst haben, dass Ihre Redakteurin dann sauer auf Sie ist.“

„Richtig.“

Das Lachen von Dr. Goldberg klingt eine Spur verzweifelt.

„Wie kommen Sie eigentlich darauf“, fragt er, „dass Ihre Redakteurin sauer reagieren könnte?“

„Na, ist doch klar. Sie will etwas, ich will etwas anderes. Bestimmt denkt sie, ich sei so eine zickige Autorin mit Allüren. Ich hatte sogar schon versucht ein Mail zu schreiben, bekam aber gleich beim ersten Satz Herzklopfen, weil ich mir vorgestellt habe, wie meine Redakteurin ihn liest. Wie sie aufgebracht ausatmet. Ich sehe das direkt vor mir.“

„Interessant. Ich wusste gar nicht, dass Sie hellsehen können.“

Ich scheitere an meinem Lächeln.

Dr. Goldberg überlegt.

„Verstehe ich das richtig“, sagt er, „anstatt darüber nachzudenken, wie Sie am besten Ihr Anliegen formulieren können, stellen Sie sich direkt vor, wie das bei Ihrem Gegenüber ankommt. Sie machen quasi zwei Schritte auf einmal.“

„Vermutlich.“ (S. 173 ff.)

Der Roman, der tagebuchartig in knappe Kapitel unterteilt ist, überfordert weder sprachlich noch vom Umfang her und auch Wenigleser dürfen – sofern das Thema interessiert – beherzt zum Buch greifen. Absolute Empfehlung! ***